Jungvögel sind nicht immer hilflos

von Tanja Frischgesell

Junges Rotkehlchen (Foto: Ludwichowski/NABU)
Junges Rotkehlchen (Foto: Ludwichowski/NABU)

In jedem Jahr zur Brutsaison häufen sich beim NABU, bei Tierärzten und Tierheimen die Anrufe besorgter Tierfreunde, die einen Jung- vogel gefunden und mitgenommen haben in der Annahme, er sei verlassen.

Dies trifft jedoch nur in den seltensten Fällen zu. Meistens stehen die Jungen durch Bettelrufe mit ihren Eltern in Verbindung und werden von ihnen auch außerhalb des Nestes weiterhin gefüttert. Man sollte deshalb zuerst aus angemessener Entfernung und von den Altvögeln unbemerkt längere Zeit beobachten, ob die Jungen wirklich nicht mehr gefüttert werden.

Junge Blaumeise (Foto: Ludwichowski/NABU)
Junge Blaumeise (Foto: Ludwichowski/NABU)

Viele Menschen meinen, wenn sie einen rufenden und vermeintlich hilflosen Jungvogel angefasst haben, müssen sie diesen danach auf jeden Fall selbst aufziehen oder zur Pflege abgeben. Doch im Gegensatz zu anderen jungen Wildtieren, wie Rehen, Hasen oder Kaninchen, können Vögel unbesorgt in die Hand genommen werden. Der menschliche Geruch ist für die Altvögel ohne Bedeutung und wirkt auf sie nicht abschreckend.

Deshalb ist es in den meisten Fällen das Beste, den Jungvogel dort zu lassen, wo er ist! Oft genügt es schon, einen offen auf dem Boden sitzenden Jungvogel zur Sicherheit auf einen höher gelegenen Ast zu setzen - er ruft sich dann häufig bald seine Eltern herbei. Selbst wenn er einige Zeit in menschlicher Obhut war, kann er bis etwa 24 Stunden seit der Aufnahme an den Fundort zurückgebracht werden. Erst danach geben die Altvögel die Suche nach ihren Jungen auf.

Junger Hausrotschwanz            (Foto: Ludwichowski/NABU)
Junger Hausrotschwanz (Foto: Ludwichowski/NABU)

Viele mitleidige Tierfreunde stellen sich vor, sie könnten einen hilflosen Jungvogel am einfachsten beim Tierarzt, im Tierheim oder bei den Naturschützern abliefern. Der NABU Holzminden unterhält keine Aufzuchtstation; mit seinen ausschließlich ehrenamtlich tätigen Mitgliedern ist er dazu nicht in der Lage. Außerdem stellt sich die grundsätzliche Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, ein einziges Individuum mühsam aufzuziehen. Dies dient wirklich nicht der Arterhaltung, denn die Natur hat bereits eine Verlustquote mit einberechnet.

Gerade bei Jungvögeln herrscht eine enorme Sterblichkeit: Bei frei brütenden Singvögeln wachsen nur aus etwa 45 % der gelegten Eier flügge Junge heran, bei in Höhlen brütenden etwa 65 %. Vom Ausfliegen bis zum Beginn der Fortpflanzungsperiode im nächsten Frühjahr sterben weitere 80 % dieser Jungvögel. In Zahlen ausgedrückt: Von einem Gelege mit 10 Eiern erlebt oft nur ein Vogel das kommende Frühjahr! So ist es also für den Artenschutz ohne Bedeutung, wenn ein einziger Jungvogel von Menschenhand aufgezogen und freigelassen wird.

Hat man sich trotz allem dazu entschlossen, einen Jungvogel aufzuziehen, muss man sich auf eine umfangreiche und langwierige Aufgabe einstellen, bei der man viel Zeit, viel Geduld und einen geeigneten Platz braucht. Leider verenden viele junge Vögel alljährlich nach einem langen Leidensweg, werden „zu Tode gepflegt“, weil Kinder und auch Erwachsene es zwar gut meinen, aber über zu wenige Kenntnisse verfügen.

Junger Zaunkönig (Foto: NABU Bremen)
Junger Zaunkönig (Foto: NABU Bremen)

Zuerst ist es wichtig herauszufinden, welchen Vogel man aufgenommen hat und womit er sich ernährt, das heißt, womit er von seinen Eltern gefüttert wird. Ein Vogelbestimmungsbuch kann nur bedingt helfen, weil dort meist die Altvögel abgebildet sind, denen das Gefieder eines Jungvogels kaum oder noch wenig gleicht.

Ein sehr gutes Erkennungsmerkmal ist der Schnabel des Vogels. Vögel mit einem feinen, spitzen Schnabel gehören meistens zu der Gruppe, die sich von Insekten ernährt, während Vögel mit kurzem stumpfen Schnabel zu den Körnerfressern gehören, die sich von Sämereien ernähren. Allerdings gibt es bei der Fütterung der Nestlinge zahlreiche Ausnahmen. So füttern zum Beispiel Haussperlinge, obwohl sie Sämereien bevorzugen, ihre Brut vorwiegend mit Insekten. Auch der Buchfink mit seinem typisch dicken Schnabel wird während der Brutzeit zum Insektenjäger.

Die richtige Futterwahl ist also lebenswichtig. Da man hier sehr viel falsch machen kann, muss man sich auf jeden Fall ausführlich informieren. Es ist vor allem nicht einfach, sich das richtige Futter zu besorgen. Auch muss man bedenken, dass nackte Jungvögel alle halbe Stunde ihre Futterration erhalten müssen. Etwas ältere, schon befiederte Jungvögel werden stündlich gefüttert. Dabei nehmen Kleinvögel mehr Nahrung am Tag auf, als ihr Körpergewicht ausmacht.

Junger Waldkauz (Foto: NABU)
Junger Waldkauz (Foto: NABU)

Zum Füttern benötigt man eine stumpfe Pinzette und eine Pipette oder Einwegspritze für die Wassertröpfchen, die dem Vogel vorsichtig eingegeben werden, damit er sich nicht verschluckt. Schwierig wird die Fütterung dann, wenn ein Vogel nicht sperrt, das heißt, seinen Schnabel nicht von allein aufreißt. Dann muss man vorsichtig seinen Schnabel öffnen und das Futterstückchen weit nach hinten in den Schnabel stecken, damit er es verschlucken kann.

Wer Vögel aufnimmt, sollte wissen, dass sie oft äußerlich von Parasiten, wie Federlingen, Läusen, Flöhen, Zecken und Milben, befallen sind. Keinesfalls darf hier ein Insektenvernichtungsmittel angewandt werden, sondern nur ein wirksames, aber ungefährliches Vogelspray aus dem Fachgeschäft.

Junge Amsel (Foto: NABU)
Junge Amsel (Foto: NABU)

Auch über die Unterbringung der in Not geratenen Jungvögel muss man sich Gedanken machen. Meistens wird es sich um Nesthocker handeln, also um Vögel, die nackt und blind zur Welt kommen und bis zum Flüggewerden etwa zwei Wochen im Nest bleiben.
Als Ersatznest kann ein runder kleiner Korb, ein Blumentopf oder ein ähnliches Behältnis dienen, das am besten mit Papiertüchern ausgekleidet wird. Watte, langfaserige Lappen oder Holzwolle sind dagegen nicht geeignet. Das Nest sollte in einer für den Pfleger gut erreichbaren Höhe an einer zugfreien, ruhigen Stelle platziert werden.

Da nackte Jungvögel nicht in der Lage sind, ihre Körpertemperatur selbst zu regeln, benötigen sie während der ersten Tage und auch während der Nacht eine Wärmequelle. Dies kann eine untergeschobene Wärmflasche oder eine 40-Watt-Glühbirne sein. Besser noch ist ein Infrarotdunkelstrahler, der wärmt, aber nicht  leuchtet, so dass während der Nacht ebenso wie unter natürlichen Verhältnissen Dunkelheit herrscht. Die Wärmequelle darf aber nicht direkt auf den Körper gerichtet sein.

Bei der Aufzucht eines Jungvogels muss man also sehr viel bedenken. Ausführliche Informationen und praktische Tipps für Vogelfreunde kann man über das Internet erhalten, z.B. unter

www.wildvogelhilfe.org  oder  www.lbv.de/service/naturschutztipps/jungvoegel

 

Bei folgenden Pflegestationen kann man kranke, verletzte oder geschwächte Vögel abgeben, doch sollte man vorher auf jeden Fall mit ihnen Kontakt aufnehmen:

 

 

Vogelpflegestation NABU Göttingen, Weender Landstr. 64a, Tel.: 0551 / 686 37, Notfalltelefon: 0172-563 1287

 

Niedersächsisches Forstamt Saupark Springe, Tel: 05041 / 5828 und 0160 - 964 72 339

 

Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen, Hohe Warte, Tel.: 05725 / 70 87 30

 

NABU Artenschutzzentrum Leiferde, Hauptstr. 20, Tel.: 05373/6677 und 0172-54 30 410

 

Wie man allgemein für unsere Vögel aktiv werden kann, steht in der NABU-Broschüre „Vögel im Garten - Schützen, helfen und beobachten“, die man im UmWeltladen in Holzminden, Oberbachstraße 47, für 3 € erwerben kann.